Granada: Maurisch oder christlich?

Man weint um Hellas weiß ein deutscher Dichter zu reimen. Sonst geschieht es selten, dass einer Staatseinrichtung Tränen gelten. Das maurische Spanien ist einer dieser seltenen Fälle. Die Verwaltung der Kalifen war die effektivste im ganzen mittelalterlichen Europa: während der Rest des Kontinents von Hunger und Elend großer Bevölkerungsteile gezeichnet war, gab es in Spanien einen allgemeinen verteilten Wohlstand. Und die Künste blühten, inspiriert durch eine einzigartige religiöse Toleranz.

Mit der christlichen Eroberung kommt der Niedergang. Der religiöse Fanatismus regiert, Badeanstalten werden als sündhaft betitelt, Spanier anderer Konfession vertrieben, darunter ein Großteil der spanischen Handwerkerschaft. Der Gegensatz von Arm und Reich nimmt stark zu. Und das viele im kurz danach entdeckten Amerika geraubte Gold reißt diesen Graben nur weiter auf. Bis in das allerletzte Drittel des zwanzigsten Jahrhunderts hinein findet Spanien keinen rechten Anschluss an den wirtschaftlichen Aufschwung Europas.

Kein Wunder also, dass um das maurische Spanien durch die Jahrhunderte hindurch immer wieder getrauert wurde. Die Tränen von Boabdil, dem letzten arabischen König in Spanien, die er am 2. Januar 1492 beim Blick zurück auf seine Stadt Granada und seine Burg Alhambra vergoss, sind bis heute unvergessen. Der Berg, auf dem der geschlagene Herrscher noch kurz innehielt, bevor er ins Exil zog, er heißt noch immer Die Seufzer des Mauren.

Aber die Trauer ist nicht ungeteilt. Der katholische Bischof von Granada sieht im 2. Januar den glücklichen Jahrestag der Wiedererrichtung des christlichen Glaubens in unserer Heimat, obwohl während der siebenhundertjährigen arabischen Herrschaft das Christentum nicht verfolgt worden war. Und für viele Vertreter des Militärs ist der Jahrestag des Falls der letzten maurischen Bastion in Spanien die Geburtsstunde des aktuellen Spaniens und seines blutig eroberten Weltreichs.

Seit Spanien allerdings ein demokratisches Land ist, gibt es Kritik an der Einseitigkeit der offiziellen Feierlichkeiten zum 2. Januar. Unter anderen trat der vor kurzem verstorbene granadiner Liedermacher Carlos Cano Zeit seines Lebens dafür ein, den Jahrestag des Falls von Granada zu einer Versöhnungsfeier zwischen den Nationen des Mittelmeerraumes zu machen. Ihm haben sich viele namhafte Persönlichkeiten angeschlossen, darunter der portugiesische Literaturnobelpreisträger Jose Saramago.

Vor zwei Jahren fanden diese Appelle ihr erstes kleines Echo im offiziellen Protokoll der Feiern. Ein Manifest für mehr religiöse und kulturelle Toleranz wurde verlesen. Und das Militär nahm nicht mehr mit Truppen am Festakt teil.

Schon diese Änderungen führten jedoch zu Protesten. Weder im Jahr 2000 noch 2001 nahmen Vertreter der konservativen Partei PP an den Feiern teil. Und als das Manifest verlesen wurde, gab es ein Pfeifkonzert aus den Reihen einiger rechtsradikaler Grüppchen, die im Internet für eine Störung der Veranstaltung mobilisiert hatten.

2001 waren die Rechtsradikalen wieder da, pfiffen als der Bürgermeister sprach und riefen nach der Armee, deren Anwesenheit sie vermissten. Die Parole, unter der sie all diese Störungen organisierten, lässt sich mit einem Wort zusammenfassen: España. Womit sie ein juden- und moslemfreies Spanien meinen.

Die Verfasser des Manifests für mehr Toleranz wollen sich durch diese Proteste nicht davon abhalten lassen, für weitere Veränderungen der Feiern zu streiten. Was 1492 geschah, war, dass christliche Spanier moslemische und jüdische Spanier aus dem Land warfen erklärt zum Beispiel der in der Sache sehr engagierte britische Historiker lan Gibson. Spanier waren sie alle.

Für diese Sicht der Dinge spricht zum Beispiel, dass auf dem Gebiet des ehemaligen Osmanischen Reiches immer noch einige wenige Menschen leben, die spanisch sprechen. Ein sehr altertümliches Spanisch freilich, Ladino oder Spaniolisch genannt. Es sind Nachfahren spanischer Juden, die die Heimatsprache ihrer Vorfahren bis auf den heutigen Tag bewahrt haben. Und als König Juan Carlos vor ein paar Jahren Istanbul besuchte, entschuldigte er sich auf Spanisch bei den Vertretern ihrer Gemeinde für den grausamen Rauswurf dieser Bevölkerungsgruppe nach der Eroberung Granadas.


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